Dienstag, 11. Oktober 2016

4,5 Sterne Kritik zu Certain Women

Eine wirklich schöne Kritik zu "Certain Women" - oftmals kriegt man durch deutsche Rezensionen auch nochmal einen anderen Blick auf den Film und gerade hier macht mich der Text wirklich sehr neugierig! :)

So flüchtig sind die Filme von Kelly Reichardt, so behutsam und unterschwellig erzählt die Regisseurin von „Old Joy“, „Wendy und Lucy“ und nun „Certain Women“, dass man die Erzählungen und Figuren nur ganz vorsichtig in Worte packen mag. Wo andere Filmemacher ihre „Botschaften“ lauthals verkünden und keinen Zweifel daran lassen, „worum es geht“, geht Reichardt ganz anders vor. Sie tritt ganz hinter ihre einfachen und wohlüberlegten, dabei manchmal fast unscheinbar wirkenden Bilder zurück und beobachtet diskret ihre Figuren, die meist ganz alltägliche Dinge tun. Es entsteht ein sanft-sinnlicher Erzählfluss, in dem der aufmerksame Zuschauer eine reiche Fülle an Entdeckungen machen kann: kaum wahrnehmbare Konflikte, subtile Subtexte, vielsagende Details, verborgene Emotionen. Mit dem Episodendrama „Certain Women“ beschert uns Kelly Reichardt nun ein weiteres Paradebeispiel ihrer Kunst, das durch eine einfühlsam aufspielende Starbesetzung zusätzlich veredelt wird.


Eine Kleinstadt in Colorado. Die Anwältin Laura (Laura Dern) versucht ihren Klienten Fuller (Jared Harris) davon zu überzeugen, dass er auf seine beabsichtigte Schadensersatzklage verzichtet, da er keine Chance auf Erfolg hat. Doch Fuller will diese schmerzliche Wahrheit nicht akzeptieren und nimmt in seiner Verzweiflung eine Geisel… Laura hat eine Affäre mit Ryan (James Le Gros), der mit Gina (Michelle Williams) verheiratet ist. Das Ehepaar baut trotz der Beziehungskrise ein Haus im nostalgischem Kolonialstil für sich und die gemeinsame, schlimm pubertierende Tochter Patty (Ashlie Atkinson)… Beth (Kristen Stewart) gibt in einem Nachbarort ein Abendseminar zum Thema Schulrecht. Aus Langeweile nimmt auch die Pferdepflegerin Jamie (Lily Gladstone) an dem Kurs teil und freundet sich mit Beth an.

Die drei Episoden von Kelly Reichardts sechstem Langfilm basieren auf Kurzgeschichten der amerikanischen Autorin Maile Meloy. Obwohl es mit dem gemeinsamen Schauplatz - einer verschneiten Ortschaft im US-Bundesstaat Colorado – und personellen Überschneidungen konkrete Gemeinsamkeiten zwischen den einzelnen Teilen gibt, stehen die Episoden lose nebeneinander, ein offenliegendes verbindendes Thema gibt es nicht. Auffällig ist allerdings, dass die Beziehungen zwischen den Figuren hier sehr stark von gegenseitigem Unverständnis geprägt sind. Immer wieder reden die Menschen aneinander vorbei, ganz ohne (böse) Absicht. Meist sind die Gründe ganz banal – und die Szenen dadurch umso lebensnäher: Sei es die junge Beth, die zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist, um zu bemerken, dass ihr Gegenüber sie mag, sei es die Anwältin Laura, die ihrem Klienten zwar zu helfen versucht, aber die wirkliche Schwere seiner Probleme nicht begreift.

Nachdem Reichardt in ihrem vorigen Film „Night Moves“ eine ungewohnt plotgetriebene Geschichte erzählt hat, kehrt sie mit „Certain Women“ zu ihren assoziativen Anfängen zurück und kann dabei auf ein beeindruckendes Ensemble zurückgreifen. Michelle Williams („Blue Valentine“) steht bereits das dritte Mal für die Regisseurin vor der Kamera und zeigt ein weiteres Mal ihre außerordentliche Fähigkeit, zum emotionalen Kern einer Figur vorzudringen, während Laura Dern („Jurassic Park“) und Superstar Kristen Stewart („Twilight“, „Die Wolken von Sils Maria“) erstmals mit Reichardt zusammenarbeiten. Vor allem letztgenannte fügt sich absolut organisch in das Erzähluniversum der Filmemacherin ein und glänzt mit einer vielschichtig-lebensechten Darstellung. Diese Wahrhaftigkeit kennzeichnet „Certain Women“ auf vielen Ebenen: Einmal mehr erzählt Kelly Reichardt schlicht und tiefgründig zugleich von Menschen, die auf ganz eigene Weise versuchen, mit den Fallstricken des Lebens zurechtzukommen. 
Fazit: In den nur auf den ersten Blick banalen drei Geschichten von „Certain Women“ erweist sich Kelly Reichardt einmal mehr als Meisterin des behutsam-tiefgründigen Erzählens und macht aus ihrem Episodenfilm ein ebenso intelligentes wie emotionales Drama über die Schwierigkeiten der menschlichen Kommunikation.


Von Michael Meyns auf filmstarts.de

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